Kappadokien

Kappadokien – UNESCO Weltkulturerbe im Herzen Anatoliens

Kappadokien
Bild: Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei

In einem anderen Land

An diesem Morgen Mitte Oktober schien die vertraute Welt verschwunden und an ihre Stelle eine andere, aufregend fremde getreten zu sein. Der erste Frost hatte sich über Ürgüp gelegt, hatte auf Dächern, Felsen und Bäumen seine Spur hinterlassen, die nun in der frühen Sonne glitzerte.
Der Blick ging von der Terrasse des Hotels über den Komplex alter Herrenhäuser, aus denen es bestand, hinüber auf die Felsenwohnungen des alten Ortes und weit hinaus bis auf die Burg von Uchisar, die wie ein geborstenes Mahnmal das vom Raureif verzauberte Kappadokien überragt.

Es sollte dennoch ein warmer Tag werden, und wieder hatte der Frost ein Stückchen aus den porösen Sandstein gelöst, das nun zu Tal rieselte, um mit dem nächsten Regen in den Kizilirmak gespült zu werden, den längsten Fluss der Türkei. Abertausende solcher nächtlichen Fröste und heißen Tage hatten in Abertausenden von Jahren diese Landschaft geformt, hatten aus dicken Schichten von Vulkanasche ein Gewirr aus tiefen Tälern und steilen Felsnadeln geformt. Tausende dieser »Feenkamine« genannten Sandsteinkegel formen das Gesicht dieser seltsamen Region.

Nicht nur im Herbst fühlt sich der Besucher in eine andere Welt versetzt, in ein Szenarium, das der Fantasie eines George Lukas entstammen könnte. Da leben Menschen in Felsen, die wie der spitze Hut eines Zauberers aussehen. Da finden sich, verborgen in den Wänden steiler Schluchten, heilige Plätze, in denen Malereien von Mysterien künden. Da ziehen sich ganze Städte durch den Untergrund und über allem wacht ein Vulkan, der sich fast 4000 Meter in den Himmel reckt und dessen Schneekappe an manchen Tagen über Kappadokien zu schweben scheint.

Dies Land im Zentrum der Türkei war vor langer Zeit Teil des Hethiterreichs, war in der Antike Schauplatz der Kämpfe zwischen Persern und Griechen, war im Römischen Reich Zuflucht verfolgter Christen und wurde vor tausend Jahren zu einem einzigartigen Zentrum byzantinischer Klosterkultur. Hunderte Mönchsgemeinschaften, zum Teil nur eine Handvoll Menschen, selten mit mehr als 50 Mitgliedern, haben sich hier dem Gottesdienst gewidmet. Alle gruben ihre Dormitorien, Refektorien und vor allem ihre Klosterkirchen in den weichen Sandstein, schlugen Kreuzgang, Altarschranke und Apsis aus dem Fels, Säulen, die nichts trugen und Kuppeln, über denen manchmal nur wenige Zentimeter gewachsener Fels blieben.
Und sie malten ihre Kirchen aus, mit Bildern der Apostel, biblischen Szenen, Allegorien von Sünde und Errettung, und oft mit Darstellungen, deren Sinn sich uns heute nicht mehr erschließt. Manchmal legten die Mönche selbst Hand an, die aber durch die Kraft des Glaubens allein nicht recht geführt wurde, meist waren es daher Künstler, die von weither kamen und sich ihr Können gut bezahlen ließen.

Im Tal von Göreme erreichte diese Kunst ihren Höhepunkt. Auf engem Raum finden sich hier Klosterkirchen, deren Malerei einzigartige Könnerschaft zeigt und die zudem hervorragend erhalten sind. Sie sind Teil des Welterbes der Unesco, das Kultur und Natur umfasst, die hier so eng miteinander verwoben sind.
Viele der Klöster, die im Lauf der mittelalterlichen Jahrhunderte entstanden, sind heute schon lange wieder vergangen, andere haben unter der steten Erosion stark gelitten. So begegnet dem Wanderer im Ihlaratal eine Apsis, die allein am Rande eines Kartoffelfeldes steht, der Rest ist verschwunden, und nicht weit von dort gibt es ein Kuppel in einem Felsüberhang, aus der als letzter Rest der Klosterkirche ein Pantokrator segnend die Hand hebt.

Und manchmal scheint es, dass die Allgegenwart geistlichen Lebens auch Jahrhunderte nach Ende der Klosterkultur die Grundstimmung Kappadokiens ausmacht. Heute ist die Region von einem Islam geprägt, der sich hier erst formierte, in einer Zeit als seine Richtung noch nicht feststand. Hier wirkten die großen Mystiker und Reformer des Islam, wie Hadschibektasch und Rumi, die einen toleranten Glauben lehrten. Und es scheint, als sei die Frage nach dem rechten Leben, den hier schon die frühen Christen stellten, noch immer lebendig: Sie taucht immer wieder in Gesprächen auf, und so kann man in Kappadokien etwa einen geistlichen Lehrer des sunnitischen Sufiordens treffen, der sagt, dass es einen Zwang zum Glauben niemals geben dürfe oder den alevitischen Betreiber einer Gaststätte – er lebt in einer 600 Jahre alten Kelterei – der sagt, dass der Glaube der Freiheit des Einzelnen dienen soll.

Die Höhlenmönche von Göreme, aus dem Ihlaratal und dem Taubental nutzten alte Erfahrungen, als sie sich in die Felswände gruben. Schon seit alter Zeit haben hier Menschen in Höhlen gelebt, die aber nichts von dem haben, was wir uns unter Leben vorzeitlicher Höhlenmenschen vorstellen. Die in den Fels gebauten Wohnungen waren zum Teil sogar großzügig und hatten Fenster und Brunnen, sie sind im Sommer kühl und im Winter leicht warm zu halten.

Schon in der Antike haben die Menschen hier sogar große Siedlungen unter die Erde verlegt, in Derinkuyu etwa in einem achtstöckigen System aus Höhlen und Gängen, das noch lange nicht erforscht ist, in dem es Ställe und Versammlungsräume gab, Schulen und Läden und in denen Tausende von Menschen sich auf halten konnten.

Bis in die Gegenwart hält sich diese Bautradition, noch in den fünfziger Jahren gab es ganze Dorfgemeinschaften, die in Felsendörfen lebten, in Zelve - auch Teil des Welterbes - kann der Besucher das Leben der Menschen nachempfinden und sollte dabei nicht vergessen, dass ihm etliche dieser Menschen auf den Plätzen und in den Cafes von Göreme und Uchisar begegnen können. Und noch heute fungieren manche der Feenkamine als komfortable Einfamilienhäuser, mit einem Schornstein auf der Spitze sehen sie aus wie aus dem Märchenbuch.

Vor allem aber haben kluge Menschen ihre Höhlen und Felsburgen zu Hotels ausgebaut. In einem der zum Teil äußerst luxuriösen »Cave Hotels« zu wohnen bietet mehr als Schutz vor den manchmal sehr heißen Sommern. Der Besucher kann hier der großen und seltsamen Vergangenheit Kappadokiens nachhängen, indem er dessen Gegenwart genießt, bei leiser, von den Tänzen der Sufis beeinflusster Musik und bei einem der erstklassigen Weine der Region.

Roland Benn; MERIAN Redakteur; Verantwortlich für die MERIAN Ausgabe über Kappadokien

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